Erste Hilfe für Babys und Kleinkinder

Verschlucken von Fremdkörpern

Interview mit Janko von Ribbeck, Rettungssanitäter, vierfacher Vater und Buchautor

Kaum ein Notfall tritt so unerwartet und heftig auf wie die Atemnot, die durch das Verschlucken eines Fremdkörpers ausgelöst wird. Diese Form der Atemnot gibt es in unterschiedlicher Intensität: Sie reicht von hartnäckigem Husten ohne Einschränkung der Atmung bis zum Erstickungsanfall. Wir haben Janko von Ribbeck, Heilpraktiker und Buchautor, nach den richtigen Erste-Hilfe-Maßnahmen befragt. Janko von Ribbeck ist vierfacher Vater, hat lange Jahre im Rettungsdienst gearbeitet und bietet Kurse in Erster Hilfe an.

babyclub.de (bc): Herr von Ribbeck, wie groß ist die Gefahr, dass kleine Kinder etwas verschlucken, dass ihnen im Hals stecken bleibt?

Janko von Ribbeck (JvR)
: Auf einigen Spielzeugverpackungen wird vor verschluckbaren Kleinteilen gewarnt. Diese Spielsachen sind deshalb erst für Kinder ab drei Jahren geeignet. Je kleiner die Kinder sind, desto größer ist die Gefahr, dass sie etwas verschlucken, was dann im Hals stecken bleibt. So vorsichtig man auch ist, das Verschlucken von Gegenständen lässt sich nicht mit letzter Sicherheit vermeiden. Besonders Krabbelkinder sind so emsig auf der Suche nach Gegenständen, die sie sich in den Mund stecken können, dass man sie auch liebevoll als »Staubsauger« oder »Müllschlucker« bezeichnen könnte.

bc: Was sind die typischen „Kleinteile“, die denen man Acht geben sollte?

JvR:
Ganze Nüsse, speziell Erdnüsse, sollten Sie Kindern erst ab einem Alter von drei Jahren zu essen geben. Mahlen Sie die Nüsse, damit gehen Sie diesem Problem aus dem Weg. Auch Murmeln, Perlen oder kleine Lego-Bausteine (die „Einer“) werden oft verschluckt. Selbst ein Keks oder ein Stück Apfel oder Karotte kann im Hals stecken bleiben

bc: Was kann man tun, wenn sich ein Kind tatsächlich an einem Kleinteil verschluckt?

JvR:
Verschluckt sich ein Kind, entwickelt sich eine dramatische und unter Umständen lebensgefährliche Situation. Deshalb sollte jeder, der mit kleinen Kindern zu tun hat, zwei wichtige Handgriffe beherrschen: Die „Rückenklopfmethode“ und den „Heimlich-Handgriff“ (benannt nach dem amerikanischen Arzt Dr. Heimlich). Wenn Sie mit dem Kind allein sind, führen Sie zunächst beide Handgriffe aus, bevor Sie den Notarzt anfordern, um keine wertvolle Zeit des Handelns zu verschenken. Und wenn Sie Ihr Kind in fremde Obhut geben, zum Beispiel dem Babysitter oder den Großeltern, sollten Sie vorab die beiden Maßnahmen erklären und zeigen.

Entfernen Sie einen Fremdkörper nicht mit den Fingern! Der Versuch, einen Fremdkörper mit den Fingern zu entfernen, kann dazu führen, dass der Gegenstand tiefer in die Atemwege geschoben wird. Die Finger eines Erwachsenen sind im Vergleich zu den engen Atemwegen sehr dick, und ein Greifen des Gegenstandes kann unmöglich sein.

bc: Können Sie uns die beiden Handgriffe erklären?

JvR:
Um einen verschluckten Gegenstand zu entfernen, wird zuerst die Rückenklopfmethode angewendet. Sie ist schnell und einfach durchzuführen. In früheren Zeiten wurde in der Ersten Hilfe empfohlen, Kinder an den Füßen kopfüber zu halten. Praktisch ist dies aber mit einer Hand kaum durchführbar, außerdem könnte das Kind bei dieser akrobatischen Übung mit dem Kopf voraus zu Boden stürzen. Viel einfacher ist es, das Kind mit herunterhängendem Oberkörper auf den Unterarm, Oberschenkel oder über einen Tisch oder Stuhl zu legen. Mit der Hand wird dann fünf Mal auf den Rücken in Höhe der Schulterblätter geklopft. Klopfen Sie mit der flachen Handfläche. Eine gewisse Wucht ist nötig, um den Gegenstand zu bewegen. Klopfen Sie also nicht zu zaghaft, Sie brauchen keine Angst haben, dass das Kind sich dabei verletzen könnte. Nach meiner Beobachtung haben Eltern ein gesundes Gefühl für die richtige Intensität.

Der Fremdkörper wird durch das Klopfen losgerüttelt und mit Hilfe der Schwerkraft in Richtung Mund befördert. Dabei ist die Wirkung der Schwerkraft genauso wichtig wie das Klopfen. In waagerechter Position zu klopfen bringt keinen Erfolg. Der Oberkörper muss deutlich nach unten geneigt sein! Das sollten Sie in der Aufregung nie vergessen.

bc: Und wie funktioniert der „Heimlich-Handgriff“?

JvR:
In Ausnahmefällen bleibt die Rückenklopfmethode ohne Erfolg. Steckt ein Fremdkörper, zum Beispiel eine Murmel, richtig fest, kann er nur durch ein anderes Prinzip, nämlich ein Herausschleudern, gelöst werden. In diesem Fall hilft der so genannte Heimlich-Handgriffe. Dieser Handgriff gilt sozusagen als Retter in der Not, wenn die Rückenklopfmethode nicht hilft und ein Ersticken droht.

Beim Heimlich-Handgriff wird durch ruckartiges Zusammenpressen des Zwerchfells und der Lunge Restluft aus der Lunge herausgedrückt. Im Prinzip wird ein künstlicher Hustenstoß erzeugt, der den Fremdkörper herausschleudert. Es ist also, wenn der Handgriff Erfolg haben soll, eine entsprechend starke Wucht nötig. Deshalb wurde der Griff in Erste-Hilfe-Kursen in den letzten Jahren nicht gelehrt. Inzwischen (Stand 2008) ist er aber wieder Bestandteil der Ersten Hilfe!

Bei Kleinkindern, Schulkindern (und Erwachsenen) kann der Handgriff im Stehen oder im Liegen angewendet werden; Druck wird auf den Oberbauch zwischen Bauchnabel und Brustbein ausgeübt; der Druck muss kräftig sein

Bei Säuglingen (bis 1 Jahr) besitzt der Brustkorb eine andere Form; die Rippen stehen noch waagerecht; Druck wird mit zwei Fingern oder dem Handballen auf die Mitte des Brustbeins ausgeübt; auch hier gilt: Der kindliche Brustkorb ist sehr elastisch und besteht noch zu großen Teilen aus Knorpel, Verletzungen sind unwahrscheinlich.

Ich halte es für außerordentlich wichtig, alle Eltern und sonstigen Personen, die Umgang mit Kindern haben, mit diesem Handgriff vertraut zu machen. Er kann ein Kind (und auch Erwachsene) vor dem Ersticken retten. Klagt das Kind nach dem Handgriff über Bauchschmerzen, sollte eine ärztliche Untersuchung erfolgen.

bc: Vielen Dank für das Gespräch, Herr von Ribbek.

Zum Weiterlesen

Diese und weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen werden ausführliche in Janko von Ribbecks Buch "Schnelle Hilfe für Kinder: Notfallmedizin für Eltern" beschrieben.

Sie können die aktuelle Auflage von 2008 hier bestellen: www.erste-hilfe-fuer-kinder.de.