Interview mit einem Hautarzt
Immer mehr Kinder leiden an Neurodermitis. Wenn die Haut der Spiegel der Seele ist, wie geht es dann Kindern mit Neurodermitis? Dr. Christoph Schempp, Oberarzt an der Freiburger Universitäts-Hautklinik erklärt, was hinter der Hautkrankheit steht.Dieses Interview ist mit mit freundlicher Genehmigung aus der "Weleda Kinderwelt" entnommen.
Dr. Schempp: Speziell Neurodermitis im Kindesalter hat in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zugenommen. Vor allem in Ländern mit einem so genannten westlichen Lebensstil. Die meisten Untersuchungen aus Deutschland zeigen, dass etwa jedes zehnte Kind im Alter von drei bis elf Jahren an Neurodermitis leidet. Leider gibt es auch bereits bei Neugeborenen Neurodermitis, oder zumindest Zeichen davon. Ein frühes Symptom, welches der Neurodermitis zugeordnet wird, ist der so genannte Milchschorf auf der Kopfhaut eines Neugeborenen.
Warum treten Hautkrankheiten bei Kindern heute so oft auf?
Dr. Schempp: Das Ganze ist sehr komplex. Es gibt eine viel beachtete Studie die zeigt, dass Allergien und Hautkrankheiten zum Beispiel mit der Anzahl der Impfungen oder mit der Größe der Familie in Zusammenhang stehen. In kinderreichen Familien treten in der Regel weniger Allergien auf, genauso dort, wo Kinder wenig geimpft werden. Und natürlich spielt auch die Ernährung eine entscheidende Rolle. Fast Food, raffinierter Zucker, Nahrungszusatzstoffe und Geschmacksverstärker, mit denen die Kinder ja schon sehr früh konfrontiert werden, sind Risikofaktoren. Genauso können übermäßig hygienische Verhältnisse das Immunsystem eines Kindes davon abhalten, ausreichend trainiert zu werden. Und was sicher auch eine Rolle spielt, ist eine zu starke nervliche und intellektuelle Überlastung der Kinder.
Die Haut reagiert also auch auf äußere Sinneseindrücke?
Dr. Schempp: In der Klinik machen wir immer wieder die Erfahrung, dass Kinder mit Neurodermitis sehr wache und nach außen gerichtete Kinder sind. Und wenn diese Veranlagung noch verstärkt wird, etwa durch äußere Reizüberflutung, dann verlieren sich diese Kinder in der Umwelt, dann leben sie zu stark in ihrem Nerven-Sinnes-System.
Was geschieht dann mit der Haut?
Dr. Schempp: Neurodermitis oder die Veranlagung zu Neurodermitis ist Ausdruck davon, dass sich das Nerven-Sinnes-System in der Haut verkrampft. Freie Nervenenden, die bis in die obere Hautschicht hineinragen, weisen eine erhöhte Empfindlichkeit und Reizbarkeit auf. Das hat also mit einer Regulationsstörung des vegetativen Nervensystems zu tun. Ausdruck davon ist etwa ein verstärktes Schwitzen. Darüber hinaus weist die Haut eine ganze Reihe spezifischer Besonderheiten auf. Zum Beispiel eine gestörte Barrierefunktion und auch eine gestörte Lipidzusammensetzung, einen deutlich zu geringen Fettgehalt und die fehlende Abgrenzung gegenüber der Umwelt.
Dr. Schempp: Der bereits erwähnte Milchschorf kann ein erstes Anzeichen sein. Dann gibt es einen Schnelltest, der relativ einfach durchzuführen ist. Wenn man mit einem stumpfen Gegenstand über die Haut streift und die Haut an dieser Stelle weiß wird, spricht man von Dermographismus albus. Das tritt eigentlich nur bei Menschen auf, die zu Allergien neigen. Auch wenn sich Kinder bereits beginnen, an der Haut zu kratzen, ohne dass an der Haut etwas zu erkennen ist, kann das ein frühes Anzeichen für Neurodermitis sein. Trockene, raue Haut, besonders an den Füßen und Knien oder starkes Schuppen der Kopfhaut deuten ebenfalls darauf hin. Auch das Auftreten roter Hautflecken nach einem Bad oder eine große motorische Unruhe können Ausdruck für eine Veranlagung zu Neurodermitis sein. Die Anzeichen dafür sind sehr vielfältig und unspezifisch.
Dr. Schempp: In den ersten drei Lebensjahren nässen die Hautveränderungen sehr stark und es bilden sich Krusten. Vorwiegend betroffen ist das Gesicht, häufig der Windelbereich, teilweise auch schon die Arm- und Kniebeugen. Später im Kleinkindalter und Schulalter entstehen die Hautveränderungen dann zunehmend in den Beugen. Es kommt zu einem starken Juckreiz, die Haut wird trocken und schuppt. Bei älteren Kindern bilden sich oft sehr chronische Verlaufsformen aus, die mit einer starken Vergröberung und Verdickung der Haut einhergehen.
Wie lässt sich diese Veränderung des Krankheitsbildes erklären?
Dr. Schempp: Das hängt mit der Entwicklung des Immunsystems zusammen. Bei Neugeborenen ist das Immunsystem zunächst noch nicht darauf eingestellt, sich nach außen abzugrenzen, Bakterien und Viren zu bekämpfen. In dieser Entwicklungsphase ist das Immunsystem noch auf Toleranz gegenüber der Umwelt eingestellt. Normalerweise stellt sich das aber schon im Verlauf des ersten Lebensjahres um. Bei Kindern mit Neurodermitis geschieht das jedoch nicht. Das Immunsystem grenzt sich nicht ab, es bleibt offen. Das führt dann dazu, dass am Anfang einer Neurodermitis sehr stark diese nach außen gerichtete, nässende Komponente im Vordergrund steht. Allmählich kommt dann aber doch der Versuch der Abgrenzung. Entsprechend äußert sich das in einer Verhärtungstendenz, verstärkter Schuppung und Verdickung der Haut.
Dr. Schempp: Die Behandlung von Neurodermitis bei Kindern ist immer komplex und vielschichtig. Außerhalb der medikamentösen Behandlung ist es wichtig, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, genauso wie auf eine Reduktion der äußeren Reize wie etwa Fernsehen oder Computer. Wichtig ist außerdem eine rhythmische Gestaltung der Lebensführung. Bei der Pflege der Haut haben wir mit Calendula sehr gute Erfahrungen gemacht. Vor allem bei der Pflege im Windelbereich. Die enthaltenen Wirkstoffe beruhigen die Haut.
Welche Rolle spielt dabei die Calendula?
Dr. Schempp: Die Calendula ist eine Pflanze, die Wärmekräfte in sich sammelt, vor allem im Blütenbereich. Das zeigt die intensiv rot-orange Färbung der Blüte, ein Zeichen für einen hohen Anteil an Carotinoiden. Seit vielen Jahrhunderten ist sie für ihre Heilkräfte bekannt. Aber erst in den letzten Jahren hat man die bedeutsamen Wirkstoffe der Calendula gründlich untersucht und charakterisiert. In den Blüten sind so genannte Faradiol Monoester enthalten, das sind Stoffe, die antientzündlich und reizlindernd wirken. Das wirft natürlich ein bedeutsames Licht auf die Calendula in der Wundheilung.
Was braucht Kinderhaut allgemein, was ist bei der Hautpflege wichtig?
Dr. Schempp: Körperpflegeprodukte sollten nach Möglichkeit und bei Kindern ganz speziell keine synthetischen Zusatzstoffe enthalten, ohne konventionelle Emulgatoren und Konservierungsstoffe auskommen. Sie sollten keine künstlichen Parfümöle enthalten. Wichtig sind natürliche Fette, vorwiegend pflanzliche Öle mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Besonders wertvolle und hautverträgliche Öle sind Mandelöl und Jojobaöl.
Zur Person
Professor Dr. Christoph Schempp ist Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg. Dort leitet er unter anderem die Neurodermitis-Sprechstunde.Lesen Sie dazu auch:
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