Kindererziehung

Der richtige Umgang mit Streit - Expertentalk

Gabi Rahner ist seit 1972 als Erzieherin in verschiedenen konfessionellen Kindergärten tätig. Seit 1991 leitet sie eine 4-gruppige katholische Tagesstätte mit 100 Kindern und neun weiteren Erzieherinnen. Zur Zeit arbeitet sie gruppenübergreifend im religiösen und musikalischen Bereich mit Kindern von 3-6 Jahren.

babyclub.de: Wenn Geschwister untereinander streiten – sollen Eltern eingreifen? Oder sollen die Kinder den Konflikt zunächst miteinander klären und die Eltern erst später einlenken?

Gabi Rahner: Kinder lernen am Vorbild der Erwachsenen, zunächst verbal die Auseinandersetzung zu suchen. Eltern oder Außenstehende müssen unterstützend eingreifen, wenn abzusehen ist, dass zwischen den Kindern keine Einigung möglich ist und es zu körperlichen Übergriffen kommt.

Wie können Eltern Streitigkeiten unter Geschwister lindern?

G.R.: Eltern sollen Streit zwischen Geschwistern nicht generell unterbinden, sich nicht dauernd einmischen. Wichtig ist es, jedem Kind zuzuhören, jede Meinung ernst zu nehmen und Möglichkeiten der Konfliktlösung aufzuzeigen. Versuchen Sie dabei, dass alle Streitenden zur Ruhe kommen, wenn nötig auch in unterschiedlichen Zimmern. Mit älteren Kindern sollten Eltern besprechen, wie man auch ohne körperliche Gewalt die Geschwister in Schach halten kann. Dabei auf jeden Fall Rache und Vergeltung vermeiden. Ganz wichtig: Eltern dürfen nicht verantwortlich sein oder Verantwortung für Dinge übernehmen, die beim Streit kaputt gegangen sind.

Tipp bei streitsüchtigen Geschwistern: Reservieren Sie einen Tag pro Monat, an dem die Geschwister etwas gemeinsam unternehmen, z.B. Eisessen, Kino, Schwimmbad oder kleine selbst gemachte Geschenke austauschen.

Inwiefern kann Streit die Entwicklung eines Kindes fördern?

G.R.: Kinder sollen keine „Ja-Sager“ werden, sondern selbstbewusste, kompetente streitbare Menschen. Sie müssen lernen, wann Streit sinnvoll ist, wann nicht und wann sie sich besser von einem Konflikt zurückziehen. Auch da sind die Eltern/Erwachsenen ein großes Vorbild.

Wie sieht ein „guter“ Streit aus? Welche Tabus dürfen dabei nicht gebrochen werden?

G.R.: Auch beim Streiten sollten Kinder und Erwachsene einander respektieren und versuchen, die Dinge zu klären ohne zu verletzen. Entscheidend ist, die eigene Meinung zu verteidigen, aber auch andere Meinungen zu akzeptieren und nicht beleidigend und persönlich, sondern sachlich zu argumentieren.

Wie viel Streit ist normal? Haben Sie diesbezüglich Erfahrungswerte?

G.R.: Kleine Streitereien gibt es täglich. Ernste Auseinandersetzungen häufig im Winter, wenn die Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Wie kann Streit im Vorfeld vermieden werden?

G.R.: Viele kleinkindliche Konflikte können vermieden werden, indem Kinder Bewegungsfreiheit haben, sich austoben dürfen und nicht nur stundenlang vor dem Fernseher sitzen. Kinder können z. B. Judo- oder Karatekurse besuchen, denn diese Kampftechniken dienen zur Konfliktvermittlung und Körperbeherrschung der eigenen Emotionen. Generell sind aggressive Kinder streitsüchtiger.

Es heißt ja immer: „Der klügere gibt nach“ Gilt dies auch bei Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern? Müssen Eltern bei Streitigkeiten immer nachgeben? Oder wie sollten sich Eltern verhalten?


G.R.:
Nein, Eltern müssen nicht immer nachgeben! Das Kind soll spüren, dass es einem anderen weh getan hat, beleidigend oder verletzend war. Eltern sind nicht unverletzbar – Kinder können nur dann friedfertige Erwachsene werden, wenn es die Versöhnungsbereitschaft der Erwachsenen nach einer Auseinandersetzung spürt.
Auf jeden Fall müssen Eltern den Kindern sagen, was sie geärgert hat. Dann sollten beide ihr Unrecht ein Stück weit einsehen. Kompromisse lassen sich nur im Gespräch miteinander finden. Wichtig ist, dass Kinder das Gefühl haben, verstanden und gerecht behandelt zu werden. Streitereien lassen sich so zwar nicht immer vermeiden, aber sie bauen keine Hürden auf, sondern öffnen die Tür einer Versöhnung.

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