Themenbereich: Schwangerschaft allgemein

Positiver Streptokokkentest

Anonym

Frage vom 30.01.2017

Hallo Frau Selow,

ich habe einen Steptokokken-Test gemacht, der leider positiv ausgefallen ist. Jetzt denke ich über die Konsequenzen nach uns frage mich, ob ich ohne Bedenken für das Baby unter der Geburt Antibiotika nehmen kann. Welche Konsequenzen gibt es durch eine Einnahme für das Baby und wie hoch sind die Chancen einer Ansteckung für das Baby unter der Geburt?

Viele Grüße aus Aachen

Antwort vom 05.02.2017

Hallo,
Steptokokken kommen überall vor und es gibt keine Möglichkeit einen Menschen vor der Besiedlung mit Streptokokken zu bewahren. Je nachdem wie das Immunsystem funktioniert sind mehr oder weniger Streptokokken vorhanden und an unterschiedlichen Orten des Körpers. Es gibt verschiedene Stämme von Streptokokken, die auch zu unterschiedlichen Zeiten vorhanden/nicht vorhanden sein können.
Je nach Testmethode, Land und untersuchtem Zeitraum sind zwischen 10 bis 30 % der Frauen positiv auf Streptokokken getestet worden.
Normalerweise machen Streptokokken nicht krank. Man kann sie daher zwar auf andere übertragen, man kann aber niemanden mit einer Krankheit „anstecken“, weil man selbst nicht „krank“ ist und weil die erfolgreiche Übertragung von Streptokokken alleine auch nicht krank macht. Die antibiotische Behandlung von Streptokokken ist daher im allgemeinen sinnlos, weil die Keime nach der Behandlung innerhalb kürzester Zeit wieder da sind.
Als Erkrankung jeden Alters gibt es die Sepsis. Sie wird landläufig auch als Blutvergiftung bezeichnet. Vereinfacht ist dies ein schwerer, lebensbedrohlicher Vorgang mit einer massiven Entzündungsreaktion des Körpers, verbunden mit unterschiedlichen Begleiterscheinungen (auch Organschäden, Schock, Kreislaufversagen). Ausgelöst wird dies durch eine Kombination von Erregereintritt (ganz unterschiedliche Erreger) und Versagen des Immunsystems.
Das Immunsystem Neugeborener ist zwar schon vorhanden, es reift aber erst im Laufe der Kindheit aus, unter anderem durch Kontakt mit Erregern. Ab der Eröffnung der Fruchtblase fängt ein verstärkter Kontakt des Menschen mit den Erregern seiner Umwelt an.
Jedes Neugeborene sollte in den ersten Tagen nach der Geburt vor übermäßigem Kontakt mit Krankheitserregern geschützt werden und gut beobachtet, ob sich Anzeichen einer Infektion/Erkrankung zeigen (die meisten davon sind harmlos oder gut behandelbar).
In seltenen Fällen kommt es bei Neugeborenen dazu, dass schon sehr früh nach der Geburt eine Sepsis auftritt als Kombination von Erregern und Immunversagen. Je nach Studie, Land, Vorgehen und untersuchtem Zeitraum müssen 700 bis 1100 Frauen bei der Geburt Antibiotika erhalten, um einen Fall von früher Streptokokkensepsis beim Neugeborenen zu verhindern.
Was es schwierig macht daraus den Rückschluss zu ziehen, dass das Vorgehen: Test am Ende der Schwangerschaft + Antibiotikagabe bei der Geburt als Weisheit letzter Schluss zu sehen ist, sind folgende Umstände:
- die meisten Fälle von Streptokokkensepsis treten bei Kindern auf, deren Mütter negativ getestet wurden
- nur bei 33 bis 50% der Frauen sagt der vorgeburtliche Test richtig voraus, ob die Frau während der Geburt Streptokokken trägt (Frauen, die positiv getestet wurden, sind inzwischen negativ und umgekehrt)
- Die Sepsis kann trotz Antibiotikagabe auftreten,
- Sie kann auch nach einem primären Kaiserschnitt auftreten, bei dem gar kein Kontakt des Kindes mit der Vagina der Frau stattgefunden hat
- Späteren Formen der Sepsis wird durch Antibiotikagabe nicht vorgebeugt
- Sowohl bei positiv, als auch bei negativ oder gar nicht auf Streptokokken getesteten Frauen ist der weit überwiegende Anteil der Neugeborenen gesund. Die frühe Streptokokken- Sepsis ist eine verhältnismäßig seltene Erkrankung. Bis in die frühen 1990er Jahre waren es 1,6 Fälle auf 1000 Neugeborene, heute sind es noch circa 0,35 Fälle auf 1000 Geburten.
- Aus diesem Rückgang wird geschlossen, dass die Antibiotikagabe während der Geburt einen Schutzeffekt gegen die Streptokokken-Sepsis des Neugeborenen hat. Hochwertige Studien, die beispielsweise Antibiotikagabe bei verschiedenen Gruppen (mit und ohne Erreger-Test, mit und ohne zusätzlichen Risiken, mit und ohne/verschiedene Antibiotikagaben) gegen Plazebo testen, gibt es nicht. Dies liegt zum einen daran, dass durch die Seltenheit der Streptokokkensepsis die Fallzahlen zu gering sind, zum anderen werden Studien an Schwangeren nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen durchgeführt.

Einige dieser Punkte sprechen derzeit noch gegen die vorgeburtliche Testung auf Streptokokken, bis ein zuverlässiger Schnell-Test zur Verfügung steht, der während der Geburt durchgeführt werden kann.
Dies hilft aber nicht zu entscheiden, ob bei heutigem positivem Test Antibiotikagabe sinnvoll ist.
Generell wird die Sinnhaftigkeit der früher großzügig eingesetzten Antibiotikagabe inzwischen in Frage gestellt. Hauptgrund ist, dass immer mehr Erreger gegen immer mehr Antibiotikatypen resistent sind. Vor allem wird kritisiert, dass Antibiotika vorsorglich gegeben werden an Personen, die gar nicht erkrankt sind oder erkranken würden, während sie bei Schwerkranken inzwischen oftmals wirkungslos sind.
Da inzwischen rund 40% der überwiegend gesunden Frauen irgendwann im Verlauf von Schwangerschaft und Geburt Antibiotika erhalten, ist dies eindeutig zuviel. Nur: an welcher Stelle soll es weggelassen werden?
Empfohlen wird eine strengere Indikationsstellung und wenn möglich eine Resistenztestung vor dem Einsatz. Das erste ist eine gesundheitspolitische Entscheidung, die bei den unterschiedlichen Empfehlungen Berücksichtigung finden müsste. Das zweite ist zwar möglich, jedoch für den Einsatz bei Streptokokken kostspielig und nur bedingt aussagefähig.
Eine Nebenwirkung von Antibiotika, die gravierende Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben kann, ist der allergische Schock bei der Mutter. Die Häufigkeit ist abhängig vom gewählten Mittel. Es gibt in Deutschland keine allgemeingültige Empfehlung zu Art, Dosis und Dauer der Antibiotikagabe bei positivem Streptokokkentest.
Für das Neugeborene werden bei der Antibiotikagabe folgende unerwünschte Wirkungen diskutiert:
- Störung der Entwicklung einer gesunden Darmflora
- Vermehrte Entwicklung von Asthma, Zöliaki, Speiseröhrenentzündung, Allergien, Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Pilzerkrankungen
Die Antibiotikagabe vermindert zwar die Erregerzufuhr, sie beeinflusst die Funktion des Immunsystems, als weiteren Faktor bei der Entstehung einer Sepsis, jedoch eher negativ. In Bezug auf Tests, Impfungen und das Verständnis der Funktion des Immunsystems sind viele neue Erkenntnisse vorhanden und noch zu erwarten. Es dauert jedoch immer eine Weile, bis sich dies in veränderten Empfehlungen niederschlägt.
Bei der Abwägung des möglichen Nutzens gegenüber dem möglichen Schaden überwiegt der Nutzen der Antibiotika beispielsweise wenn es sich um Frühgeburten handelt, die Mutter bei der Geburt Fieber entwickelt, über längere Zeit einen Blasensprung hat oder wenn ein Geschwisterkind nach der Geburt eine Sepsis entwickelt hat (auch wenn gar nicht oder negativ auf Streptokokken getestet wurde).
In allen anderen Fällen ergibt sich ein Dilemma, da bei den Frauen Bedenken zurückbleiben, egal wie sie sich entscheiden. Hier kann nur empfohlen werden die Entscheidung zu treffen, mit der Sie sich insgesamt wohler fühlen.
In den meisten Kliniken wird derzeit während der Geburt ein Antibiotikum gegeben, wenn die Frau positiv auf Streptokokken getestet wurde. Sie selbst können jede Maßnahme jedoch auch ablehnen. Besser ist dies vorher zu besprechen, weil die Geburt ein ungeeigneter Zeitpunkt für Diskussionen ist. Sinnvoll wäre für beide Seiten vorab zu wissen, ob Unverträglichkeiten/Allergien gegen das Antibiotikum bestehen, das in der von Ihnen gewünschten Geburtsklinik verwendet wird. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Monika Selow

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