Themenbereich: Nachsorge

"Traumatisierung nach normaler Geburt"

Anonym

Frage vom 26.07.2008

Liebes Hebammenteam, vor einem Jahr habe ich meinen Sohn (erstes Kind) spontan entbunden. Es war eine Geburt ohne jegliche Schmerzmittel und geburtshilfliche Eingriffe (damit meine ich z.B. Wehentropf, Suagglocke u.ä.)- in vieler Augen vielleicht eine "Traumgeburt". Auch ich habe mir im Vorfeld eine möglichst natürliche Geburt gewünscht und hatte eine tolle Geburtsvorbereitung. Trotzdem habe ich an bestimmten Inhalten der erlebten Geburt noch heute unglaublich zu "knabbern":
die Erföffnungsphase dauerte ca. 12 Std., hier habe ich die Wehen als zwar schmerzhaft und anstrengend erlebt aber v.a. auch produktiv und aushaltbar. Mit Veratmen kam ich super zurecht und war total zuversichtlich, dass ich den "Rest" auch noch gut schaffen würde. Der Rest war dann aber der für mich traumatische Teil...
nachdem der Muttermund ganz geöffnet war zog sich die Geburt noch ca. drei Stunden. Ich hatte schon ab Muttermundseröffnung so heftige Presswehen, dass ich den Pressdrang kaum unterdrücken konnte. Die Wehenpausen waren winzig! Anfangs in dieser Phase war wohl der Kopf noch zu weit oben. Sehr bald aber durfte ich "offiziell" mitpressen. Und das zog sich dann eben noch 2,5 Stunden. Während der 3 Std fühlte ich mich überrrollt vor Schmerz, hatte Angst, dass ich hier nicht lebendig herauskomme, dass ich das Bewusstsein verliere. All das passierte nicht, und ich tat was man mir sagte. Mein Bitten nach Schmerzmittel wurde nicht nachgegeben ("zu spät"). Aber die Hebamme wollte auch keine Angabe machen wie lange es noch dauert (das hätte mir geholfen wenn ich Licht am Horizont gesehen hätte). Es dauerte dann auch nochmal viele Presswehen, bis der Kopf endlich geboren war.
Nachdem mein Sohn geboren war herrschte eine seltsame Stimmung im Kreissaal. Die Hebamme wirkte nicht wirklich erfreut, war ziemlich distanziert zu uns, half mir nicht beim Anlegen, verschwand nach kurzer Zeit ohne Ankündigung aus dem Kreissaal und kam erst nach längerer Zeit wieder.
Mein Sohn hatte während der Geburt auch Stress (NapH 7,14)und weinte 4 Std. ohne Unterbrechung direkt nach der Geburt... .
Ich hatte einen Dammriss 3. Grades, welcher 1, 5 Std. unter örtliche Betäubung genäht wurde. Dabei hatte ich große Scherzen, fühlte jeden Stich und wurde, als ich deshalb immer wieder zusammenzuckte, sehr unfreundlich zum Stillhalten aufgefordert.

Ich hatte keine Gelegenheit nach der Geburt meine Fragen bezüglich des Verlaufs loszuwerden, da die Hebamme nicht präsent war. Ich denke, wenn ich eine Rückmeldung bekommen hätte, vielleicht auch eine Anerkennung für mein Durchhalten bzw. eine Rückmeldung, dass es normal ist, dass ich an meine Grenzen kam, hätte ich die Geburt von Anfang an besser verabeiten können. Aufrund der angespannten Atmosphäre NACH der Geburt fühlte es sich für mich so an, als ob ICH was falsch gemacht hätte. Hebamme kühl, Ärztin "genervt". Komisch finde ich das v.a. deshalb, weil mir die Hebamme anfangs sehr sympathisch war und ich mich auch während der Geburt (abgesehen vom Schluss) gut aufgehoben gefühlt habe. Ich bin verunsichert über mein Erleben, weil ich keinen Maßstab habe und immer höre, dass Wehen prodiuktiv und auszuhalten sind bei entsprechender Begleitung.
Können Sie mir eine Einschätzung geben? Ich weiß, dass es letztendlich Mutmaßungen sind, aber mir würde es sehr helfen, von fachlicher Seite eine Rückmeldung über das Erlebte zu bekommen und vielleicht auch einen Erklärungsansatz, warum ich mich so traumatisiert fühle.
Auch würde ich gerne wissen, ob so ein Geburtsverlauf (v.a. Dauer der Austreibungsphase) normal ist und ob das andere Gebärende einfach besser "wegstecken" können?
Ganz herzlichen Dank für Ihre Mühe und dieses Angebot hier!!!

Antwort vom 29.07.2008

Hallo, es tut mir sehr leid, dass Sie sich trotz der an sich schönen Geburt so belastet fühlen durch die Umstände. Ganz sicher haben SIE gar nichts falsch gemacht. Ganz sicher sind Sie nach der Geburt nicht optimal betreut worden. Möglich, dass zur gleichen Zeit mehrere Frauen zu betreuen waren und die Hebamme nicht mehr die nötige Geduld hatte auf Sie einzugehen. In vielen Kliniken ist die Personaldecke sehr dünn und es bleibt kaum Zeit für die erforderliche Betreuung. Auch auf Seiten der Hebammen führt dies zu Frustration und nicht immer gelingt es dies die Frauen nicht merken zu lassen. Sie können dazu unter www.hebammenprotest.de nachlesen. Vielleicht hilft es Ihnen auch Ihre Erfahrung dort zu veröffentlichen, damit sich wenigstens für die Zukunft etwas an den Zuständen in den Kliniken ändert. Auch ein Brief an die Leitung der Klinik kann sinnvoll sein. Für das nächste Kind können Sie sich überlegen, ob Sie zu Hause oder in einem Geburtshaus oder mit Hilfe einer Beleghebamme entbinden, die Sie individuell betreut.
Um die Traumatisierung zu verarbeiten unter der Sie jetzt leiden empfehle ich Ihnen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Hier können Sie dazu etwas nachlesen:
http://www.geburtstrauma.de/
http://www.traumahilfe-ev.de
Als Buch kann ich Ihnen "Trauma-Heilung" von Peter Levine empfehlen.
Was an Ihrer Situation schwierig ist, ist dass allgemein davon ausgegangen wird, dass etwas "schlimmes" passiert sein muss, damit ein Trauma eintreten kann. Bei einer ganz schrecklichen Geburt finden Frauen daher viel Verständnis. Bei Ihnen selbst war alles prima und und die Gründe für Ihr Empfinden liegen "außerhalb", wurden durch das Personal verursacht. Das ist viel schwerer zu begreifen, jedoch genauso berechtigt. Eine Geburt ist etwas sehr schönes. Wenn Sie dann mit genervten und gestressten Leuten zu tun haben, haben Sie allen Grund enttäuscht und irritiert zu sein. Beim Nähen ist man rüde mit Ihnen umgegangen und hat Sie nicht ernst genommen in Ihren Beschwerden. Das ist durchaus als Gewalt zu werten.
Die Geburtsmedizin stellt heute die medizinische Sicherheit in den Vordergrund. Leider wird übersehen wie wichtig die seelische Gesundheit ist, die nur durch eine empathische Betreuung gewährleistet wird. Auch das bedeutet "Sicherheit". Diese Sicherheit haben Sie zurecht vermisst. Ihr Empfinden ist also völlig in Ordnung und angemessen für das was Ihnen passiert ist.

Ich hoffe ich konnte Ihnen wenigstens ein bisschen weiterhelfen und wünsche Ihnen alles Gute, Monika


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